Die 10 wichtigsten Ziele der Erlebnispädagogik | NEVEREST Blog
Die 10 wichtigsten Ziele der Erlebnispädagogik

Die 10 wichtigsten Ziele der Erlebnispädagogik

Was mit ihr erreicht werden kann und was sicher nicht.

Einleitung

Auch wenn sich die Erlebnispädagogik als Methode dem Credo „Der Weg ist das Ziel“ sowie dem handlungsorientierten Leitspruch „Learning by doing“ verschrieben hat und die Lernerfahrungen bei den praktischen Übungen und Projekten durch die Teilnehmenden selbst gemacht und beurteilt werden, so gibt es dennoch Leit- und Teilziele die dem erlebnispädagogischen Arbeiten zu Grunde liegen. Um diese Ziele der Erlebnispädagogik geht es in diesem Beitrag.

Was kann Erlebnispädagogik leisten? Was sind Ziele der Erlebnispädagogik?

Die Persönlichkeitsbildung (Selbstwert – Selbstvertrauen – Selbstverantwortung – Selbstständigkeit)

Egal ob es sich bei der Zielgruppe um Kinder/Jugendliche oder Erwachsene handelt, das persönliche Wachstum des/r Einzelnen steht im Vordergrund. Vor allem der Selbstwert soll gesteigert werden. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, eigenen Stärken und in die eigene Persönlichkeit soll durch Übungen forciert und für die handelnde Person sichtbar werden. Viele Menschen haben etwa durch eine auf „Mangel“ und „Fehler“ orientierte Sichtweise, das Vertrauen in eigene Stärken und damit auch die Zuversicht teilweise verloren oder verdrängen lassen. Aber auch ein von Kindesbeinen an zerrüttetes Urvertrauen, sorgt häufig für ein geringes echtes Zutrauen. Lösungsorientierte, erlebnispädagogische Settings versuchen den Wert des/r Einzelnen immer wieder aufzuzeigen, sowohl für sich selbst als auch für die Gruppe.

Weiters sollen die Selbstständigkeit und die Selbstverantwortung gefördert werden. Bei vielen erlebnispädagogischen Settings bietet die Natur eine gute Lehrmeisterin, die die Folgen für ein unverantwortliches Handeln sofort spürbar macht. Sie bietet aber abseits von schulischen und stark kopflastigen Lernräumen, praktische und handlungsorientierte Settings in denen auch diejenigen wieder „gut“ sein können, „gebraucht“ werden und „wichtig“ für die Gruppe sein können, die etwa in schulischen, oder gesellschaftlichen Kontexten eher als Außenseiterinnen und Außenseiter angesehen werden, oder gesellschaftlich am Rand stehen.

Da sich Erlebnispädagoginnen und Erlebnispädagogen vor allem als Prozessbegleiterinnen und Prozessbegleiter verstehen, nehmen sich diese in den einzelnen Projekten nach kurzen relevanten Inputs stark zurück und lassen die Individuen und Gruppen selbst ihre Lösungen finden, Prozesse gestalten und umsetzen. Dadurch wird auch die Eigeninitiative der Einzelnen und Gruppen gefördert und immer wieder verstärkt. Auch durch spannende erlebnispädagogische Settings die neugierig machen, sollen die Teilnehmenden von einer teilweise passiven Konsumhaltung (die etwa auch durch die zunehmende Digitalisierung verstärkt wird), zu einer aktiven, initiativen, freudvollen Herangehensweise an neue Herausforderungen begleitet werden.

Stärkung der Teamfähigkeit (Kommunikation – Kooperation – Konfliktlösung)

Um echten Teamgeist und Freude am Miteinander entwickeln zu können, bedarf es ein teilweise langsames Herantasten an ein Erleben von Nähe und Gemeinschaft. Parallel dazu ist eine Steigerung des persönlichen Selbstwertes und ein Entdecken persönlicher Stärken oft unerlässlich. Durch ein gemeinsames Erstellen von Settings und Richtlinien für den persönlichen Umgang miteinander, soll der Zielgruppe angepasst, das Verständnis füreinander gefördert werden. Durch eine verstärkte Aufforderung auch die eigenen Bedürfnisse der Gruppe wertschätzend verbal mitzuteilen, soll der Zugang zu den eigenen Gefühlen wiedergefunden und die Dialogbereitschaft gefördert werden. Diese Grundlagen ebnen den Weg für eine gewaltfreie Konfliktlösung und für eine höhere Toleranz und Offenheit sich selbst und anderen Gruppenmitgliedern gegenüber. Durch die gezielte Auswahl an interaktionspädagogischen Methoden wie etwa kooperativen Abenteuerübungen, lassen sich gemeinsame Umsetzungswege erproben, reflektieren, neudefinieren und als Strategien für den Alltag anwendbar machen. Diese Maßnahmen werden gezielt auch in Firmen oder Vereinen angewandt um Strategien erfahrbar zu machen, Kommunikationswege zu vereinfachen, den Umgang miteinander wieder neu zu definieren oder bereits bestehende Konflikte durch den Wechsel der Perspektive sichtbar zu machen und auszumerzen.

Steigerung der körperlichen Fitness bzw. des Vitalitätsgefühls

Bereits Kurt Hahn als einer der Hauptgründerväter der Erlebnispädagogik hat den körperlichen Verfall der Jugend als ein Problem angesehen, dem er mit körperlichem Training entgegenwirken wollte. So fällt es auf, dass viele erlebnispädagogische Settings im natursportlichen Raum wirken wollen. Ob am Berg, am Wasser, durch Expeditionen, Wanderungen, an der Kletterwand oder am Fahrrad. Die moderne Erlebnispädagogik sieht dabei aber nicht den sportlichen Leistungsgedanken im Vordergrund und eine „Höher – Schneller – Weiter – Orientierung“  sondern die Freude an der Bewegung und am „Unterwegssein“ per se. Die Freude daran, dass uns der eigenen Körper, sowie die dazugehörigen mentalen Einstellungen Schritt für Schritt oder Tritt für Tritt voran bringen. Dass wir Ziele erreichen können, die wir uns vorher selbst gesetzt haben.

Weiters ist unser Körper eng mit Emotionen und Kognitionen verbunden und beeinflusst unsere Stimmungen und unser Denken. Schon als Kleinkinder erschließen wir unsere Umwelt durch Er-greifen und Be-greifen. Körperbewusstsein und Körpergedächtnis tragen daher wesentlich zur Entwicklung der Identität des Menschen bei. Durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften wird der Stellenwert der Motorik und der körperlichen Tätigkeit weiter erhöht. Bewegung führt zu einer Vermehrung von Synapsen und fördere Aufmerksamkeit, Konzentration, Kommunikation, geistige Beweglichkeit, Gedächtnisleistungen, Wohlbefinden, Selbsteinschätzung sowie Stresstoleranz.

Grenzen akzeptieren und respektieren

Die Erlebnispädagogik arbeitet gezielt mit „Ernstsituationen“ zumindest in der Weise, dass das subjektive Risiko von den Teilnehmenden als hoch eingeschätzt wird um die proaktive Einstellung, die Verantwortung und die Eigeninitiative zu fördern und dennoch liegt es in der Verantwortung des Erlebnispädagogen oder der Erlebnispädagogin, die Situation so zu gestalten, dass die Sicherheit der Teilnehmenden objektiv gewährleistet ist.

In diesem Rahmen, soll ein Erkunden der eigenen Grenzen möglich sein und ein freiwilliges Darüberhinausschauen. Vor allem ist aber das Anerkennen der eigenen Grenzen und ein Akzeptieren und dankbares Respektieren der Grenzen eine ebenso wichtige, wenn nicht noch wertvollere Lernerfahrung. Aus diesem Grund herrscht bei erlebnispädagogischen Maßnahmen ein Freiwilligkeitsprinzip. Es steht Erlebnispädagoginnen aber auch Outdoortrainern in keiner Weise zu Teilnehmende unfreiwillig in Ernstsituationen zu stoßen und diese zu einer Grenzüberschreitung zu zwingen oder zu drängen. Sehr wohl ist es aber erwünscht, Hilfe und Begleitung anzubieten und freiwillige Einladungen auszusprechen.

Gefördert werden soll hier gezielt die eigene Reflexionsfähigkeit, der positive Umgang mit Gefühlen wie Angst oder Scham und ein „Auf-Sich-Stolz-Sein-Können“ egal ob man auf sich stolz ist, weil man eine Grenze für sich überwunden und etwas erweitert hat, oder weil man den Mut hatte, sich eine Grenze einzugestehen und diese zu würdigen.

Naturbewusstsein entwickeln (schätzen – lieben – schützen)

Die Natur bietet das Lernfeld für viele erlebnispädagogische Maßnahmen. Die Natur steht uns als Lehrmeisterin zur Verfügung, in dem sie uns zwingt, uns ihren Gesetzen zu unterwerfen und dementsprechend zu handeln. Weiters ist die Natur für uns Lebensraum, von dem wir uns zunehmend entfremden. Mit der Erlebnispädagogik lernen wir uns in der Natur wieder zurecht zu finden, zu erkennen wieviel sie uns bietet, etwa durch Wildkräuterkunde, Orientierungsskills, Techniken Feuer zu machen, Outdoorküche, Wasseraufbereitung, Campgestaltung. Wir lernen wieder Achtsamkeit und Wertschätzung für unsere Mitlebewesen zu entwickeln, bekommen Einblick in ökologische Zusammenhänge und den Kreislauf der Natur und den Wechselwirkungen mit uns Menschen. Durch das Erleben und das Kennenlernen darf eine Verantwortung entstehen und ein hoffentlich auch aktives Schutzbedürfnis.

Ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen und mit Kopf, Hand und Herz

Die Erlebnispädagogik lädt dazu ein wieder echte Abenteuer zu erleben. Abseits von Handys, Computern, Spielkonsolen oder Fernsehern. Weg von dieser zweidimensionalen Wahrnehmung, wieder hin zu einem Erleben mit allen Sinnen. Dadurch wird das Erleben wieder intensiver und prägender, sowie nachhaltiger in unserem Gehirn abgespeichert. Die moderne Erlebnispädagogik ist stark geprägt von John Deweys Ansatz der Handlungs-Pädagogik und dem Leitsatz des Learning by doings und dem Erfahrungslernen, das bereits Jean-Jacques Rousseau stark vertreten hat. Das was ich selbst erlebe, wird Teil meiner Persönlichkeit. Und dabei sind die Begriffe „Prozess“ und „Reflexion“ wichtig, damit wir das was wir durch unsere Handlungen erfahren haben, durch Reflexion, also durch den bewussten denkerischen Prozess verstehen und erkennen können und es auch durch trial and error abwandeln und neu versuchen können. Bei der Erlebnispädagogik steht daher das prozesshafte im Vordergrund und nicht die Erfolgsfixierung. Sehr wohl wird mit der Erlebnispädagogik das bewusste Einlassen auf Herausforderungen, auf das Hier und Jetzt, die zugehörigen Emotionen und den Mut zu haben aus Fehlern zu lernen, gefördert.

Achtsamkeit (Dem Stress entfliehen – Auftanken in der Natur)

Gerade durch das langsame Fortbewegen, wenn man etwa tagelang einen Schritt vor den anderen setzt wird einem der eigene Körper wieder bewusster, aber auch die Gedanken können endlich zur Ruhe kommen. Wir werden uns selbst wieder bewusster und wir nehmen auch unsere Umgebung wieder gezielter wahr. Die Natur zieht uns in ihren Bann und wir schaffen es vielleicht so wieder leichter, einfach nur die Schönheit einer Landschaft zu bewundern, Vögeln zuzuhören, oder den Boden unter unseren Füßen zu spüren, die Luft die uns umgibt zu riechen oder das klare Wasser das wir aus einem Gebirgsbach trinken zu schmecken. Zahlreiche Maßnahmen der sanften Erlebnispädagogik bieten Möglichkeiten der Entschleunigung, sei es eine mehrtägige Tour, oder kreative Landartprozesse.

Kultur- und Gesellschaftsfähigkeit (das Leben meistern – für sich eintreten – die Zukunft mitgestalten)

Kurt Hahn hatte als ein Ziel gegen den Verfall des Mitgefühls und gegen den Verfall der Demokratie die Förderung der Zivilcourage propagiert, etwa durch den Einsatz junger Menschen in Rettungsdiensten. Heute sieht die moderne Erlebnispädagogik das Ziel vor allem darin, das Verantwortungsbewusstsein der Teilnehmenden zu wecken, etwa für den Schutz unserer Umwelt, sowie der Natur die uns umgibt.

Durch Methoden wie Citybound oder Landart, versuchen die Teilnehmenden aber auch gezielt anderen Menschen Freude zu bereiten. Mit der Erlebnispädagogik und zahlreichen Interaktionsübungen wird versucht die Toleranz und Offenheit anderen Menschen gegenüber zu fördern und die Teilnehmenden werden in ihrer eigenen Lebensführung gestärkt um ihr eigenes Leben selbstbestimmter meistern zu können. Auch ein Für-Sich-Selbst-Eintreten soll gefördert werden. Der Wunsch besteht, dass vor allem die jungen Menschen einen Sinn darin sehen, ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Umgebung aktiv und positiv mitgestalten wollen.

Förderung einer positive Lebenseinstellung und Dankbarkeit

Die Natur sorgt für Reduktion auf das Wesentliche. Sie zeigt uns wie wenig es teilweise benötigt und wie glücklich man dennoch sein kann. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene erleben in der Natur am Lagerfeuer, beim Schlafen unter Planen, oder einfach an einem schönen Ort in der Natur eine innere Zufriedenheit und beim Austoben in der Natur ein Leuchten und Strahlen in den Augen, das sich selten bei vielen anderen Alltagssituationen zeigt. Immer häufiger zeigt sich, dass weniger oft tatsächlich mehr ist und das führt zu einer dankbaren Grundeinstellung, die wiederum zu mehr Zufriedenheit und einer positiveren Einstellung führen kann.

Transzendenz – Auseinandersetzung mit Urphänomenen wie Leben und Tod

Durch den vermehrten Aufenthalt in der Natur und der unmittelbar sichtbaren Vergänglichkeit, ist auch die Auseinandersetzung mit Themen wie Leben und Tod, sowie der eigenen Vergänglichkeit und dem eigenen Sinn im Leben unvermeidlich. Vor allem soll aber auch die Ehrfurcht vor dem Leben (auch dem eigenen) gestärkt werden und eine persönliche Auseinandersetzung mit diesen Themen in Gang gesetzt werden.

Was kann die Erlebnispädagogik nicht?

Trotz all der Ziele der Erlebnispädagogik ist sie kein Allheilmittel, das stets von heute auf morgen unmittelbar wirkt. Veränderungsprozesse brauchen Zeit, vor allem wenn es darum geht neue Handlungsstrategien zu erproben, zu erlernen und schließlich im Alltag zu implementieren, bis sie unbewusst wirken. Erlebnispädagoginnen und Erlebnispädagogen brauchen vor allem auch Geduld und zeitweise einen bunten Methodenmix um positive Effekte zu verstärken und zu einer langfristigen nachhaltigen Veränderung werden zu lassen.

Weiters können wir uns als Erlebnispädagoginnen und Erlebnispädagogen zwar bemühen gewisse wünschenswerte Verhaltensweisen bei unseren Teilnehmenden zu fördern und die Übungssettings dahingehend auswählen und gestalten, die Lernerfahrung macht aber stets das Individuum selbst durch das eigene Erproben und Handeln. Wir können schlussendlich nur versuchen durch Reflexion die Erkenntnisgewinne in bestimmte Richtungen zu lenken. Welche Schlüsse der/die Einzelne daraus zieht, liegt aber nur bedingt in unseren Händen. Wichtig ist daher auch auf die Qualität unserer Fragen zu achten.

Literaturverweise

  • Einführung in die Erlebnispädagogik; Paffrath, 2013
  • Die moderne Erlebnispädagogik, Geschichte, Merkmale und Methodik eines pädagogischen Konzepts; Baig-Schneider; 2012;

 

 

 

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