Die Hintergründe der Erlebnsipädagogik | NEVEREST Blog
Die Hintergründe der Erlebnispädagogik

Die Hintergründe der Erlebnispädagogik

Von Rousseau bis Hahn – die wichtigsten Gründerväter der modernen Erlebnispädagogik, ihre Ideen und Theorien

Hintergründe der Erlebnispädagogik

Die moderne Erlebnispädagogik hat es sich zum Ziel gesetzt, die Persönlichkeitsentwicklung von Individuen zu fördern und dabei vor allem ihr Selbstwertgefühl, ihr Selbstvertrauen, ihre Selbstwahrnehmung und Reflexionsfähigkeit zu steigern, sowie die Entwicklung von Eigeninitiative zu unterstützen. Weiters soll ihre soziale Kompetenz, Teamfähigkeit und Kooperationsbereitschaft erhöht werden, vor allem durch eine bessere Kommunikation, durch gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien und eine erhöhte Dialogbereitschaft.  Durch den Lernraum Natur soll auch das systemisch, ökologische Bewusstsein wachsen und der Wunsch geweckt werden, die Naturräume proaktiv zu bewahren und zu schützen. Welche Hintergrundtheorien liegen aber den erlebnispädagogischen Werthaltungen zugrunde? In diesem Beitrag werden diese Fragen behandelt und die Hintergründe der Erlebnispädagogik erläutert.

Das Lernen in erlebnispädagogischen Settings erfolgt zumeist handlungsorientiert und erfahrungsbasiert. Das unmittelbare Erleben durch unsere fünf Sinnesorgane hat bereits Jean Jacques Rousseau als Grundsäule des Lernens betrachtet.

Jean Jacques Rousseau (1712 – 1778)

Handlungen und Erlebnisse stehen für Rousseau im Mittelpunkt für die Entwicklung des Menschen. Das unmittelbare Erleben durch die Sinnesorgane und das gefühlsgesteuerte Erkennen seien wichtig für die Ausprägung der Vernunft. Damit wird Jean Jacques Rousseau als eine der wichtigsten Wurzeln der Erlebnispädagogik gesehen.

Die Grundsäulen seiner Erziehungsphilosophie sind: Einfachheit, natürliche Bewegung in der Natur, unmittelbares Erleben durch die Sinne, Lernen aus seinen Erfahrungen und Erwerb von Selbstständigkeit. Diese Grundsäulen haben auch in der modernen Erlebnispädagogik noch ihren Platz. Für ihn sind Erlebnis, Erfahrung und Abenteuer notwendige Lernprinzipien; Leben ist für ihn Handeln; Leben heißt Erleben; und das Erleben ist ein unmittelbares Erleben durch die Sinne.

Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827)

Auch Pestalozzi sei hier kurz erwähnt, der den Grundgedanken der ganzheitlichen Lernerfahrung mit Kopf, Herz und Hand propagiert und geprägt hat. Dieser Leitspruch ist bis heute prägend für die Erlebnispädagogik. Er ging davon aus, dass nicht Belehrung und Ermahnung zu dem gewünschten Sozialverhalten geführt haben, sondern Erfahrungen von Liebe, gelebter Gemeinschaft und Fürsorge, sowie Gemeinsinn und Dankbarkeit. Auch diese Prinzipien haben bis heute hohe Relevanz.

John Dewey (1895 – 1952)

An John Dewey kommt man, wenn es um „Handlungsorientierung“ geht ebenfalls nicht vorbei. Er hat den Leitsatz „Learning by Doing“ geprägt und er verweist darauf, dass Lernen vor allem im und durch Handeln geschieht. Er gilt vor allem in den USA und Kanada als Vater des „handlungs- und erfahrungsorientierten Lernens“. Insofern ist John Dewey in jedem Fall eine sehr wichtige Person in der Geschichte der Erlebnispädagogik. Auch auf die Entwicklung der Erlebnispädagogik in Nordamerika hat sein Ansatz großen Einfluss ausgeübt. Die moderne Erlebnispädagogik ist nach wie vor stark von seinem handlungsorientierten Ansatz geprägt. Handlungslernen sei für ihn eine Methode der denkenden Erfahrung, da wir zum einen Erfahrungen erwerben um zu handeln und zum anderen Erfahrungen durch Handeln erwerben. Wichtig dabei ist der bewusste denkerische Prozess, der uns den Erkenntnisgewinn aus der Handlung ermöglicht. Das Reflexive und Prozesshafte ist in seinen Augen daher unerlässlich. Das Handeln sieht er allerdings als die erste und ursprüngliche Form der Erfahrungsbildung und das durch Handeln gewonnene Wissen macht für ihn das erste und ursprüngliche Wissen des Menschen aus.

Kurt Hahn (1886 – 1974)

Mit dem Entwurf der „Erlebnistherapie“ gilt Hahn als Begründer der Erlebnispädagogik und als der wichtigste Gründervater. Auch er setzt auf die bildende Wirkung von Erlebnissen bzw. erlebnisintensiven Situationen. Er versucht mit seiner Erlebnistherapie ein pädagogisches Gegenkonzept zu entwickeln, das nach dem ersten Weltkrieg zivilisatorischen „Verfallserscheinungen“ entgegenwirkt. Die Jugend sei durch den Zivilisationsprozess deformiert und leide an

  1. einem Verfall der körperlichen Fähigkeiten;
  2. einem Verfall der Eigeninitiative und der Kreativität
  3. an einem Verfall der Genauigkeit und Sorgfalt und
  4. an einem Verfall der Empathiefähigkeit bzw. des Mitgefühls.

Um diesen Verfallsprinzipien entgegen zu wirken, hat er damals ein „Therapieprogramm“ entwickelt, das sich auf die vier Eckpfeiler körperliches Training, Projekte, Expeditionen und Mitarbeit in sozialen Diensten stützt.

  • Körperliches Training um Kondition, Vitalität, Ausdauer und Mut zu steigern;
  • Projekte, um Kompetenzen auszubilden und spezielle Fähigkeiten zu erweitern auch in kreativen, musischen, handwerklichen oder technischen Bereichen; Projekte, um Aufgaben zu übernehmen und von einer passiven Zuschauerhaltung wieder in die Eigeninitiative zu kommen;
  • Expeditionen, um die Sorgfalt und Genauigkeit schon bei der Planung einhalten zu müssen. Die Planung, Organisation und Durchführung fördere die Selbstständigkeit, Entschluss- und Überwindungskraft.
  • Schlussendlich der soziale Dienst der etwa bei Rettungsorganisationen als Äquivalent zu egoistischen Verhaltensweisen eingesetzt werden soll.

Weiters möchte er die Jugend durch Verantwortung zu Verantwortung erziehen. Und diese Verantwortung entwickelt sich seiner Ansicht nach

  1. nicht durch Belehrungen, sondern durch eigene Erfahrungen
  2. durch aktives Handeln und nicht durch Passivität und
  3. nicht alleine, sondern in der Gruppe

Wichtig ist für ihn der authentische Ernstcharakter, da dieser die Eigeninitiative, das Durchhaltevermögen, das Selbstvertrauen, soziales Engagement sowie die Verantwortungsbereitschaft fördere.

1933 emigrierte Hahn nach Großbritannien und gründete dort 1941 seine „Outward Bound Bewegung“

Aus heutiger Sicht haben die Verfallserscheinungen nach Hahn, in der modernen Erlebnispädagogik, nicht mehr dieselbe Relevanz. Das körperliche Training hat sich in so weit gehalten, dass viele erlebnispädagogische Maßnahmen natursportlichen Charakter haben, es geht aber nicht um einen Leistungsgedanken, sondern vielmehr darum Freude an der Bewegung zu empfinden. Darum geht es etwa auch bei den Expeditionen, die sich bis heute den Weg in die moderne Erlebnispädagogik gebahnt haben, während der Rettungsdienst auch für die Outward Bound Standardprojekte aktuell ohne Bedeutung ist. Dies wird heute eher auf den Schutz der Naturräume umgelegt und den nachhaltigen Umgang mit unseren Ressourcen.

Neurowissenschaften und Konstruktivismus

Mittlerweile darf sich die Erlebnispädagogik als Teil einer neuen Lernkultur verstehen. Erkenntnisse der Neurowissenschaften stützen etwa den ganzheitlichen Lernansatz der Erlebnispädagogik und das Lernen mit allen Sinnen. Auch die Funktion der Emotionen für Lernen und Handeln sei grundlegend. Je stärker die Emotionen umso prägender seien diese Erlebnisse und Erfahrungen für unser Leben. Es würden sich auch nur solche Informationen gut in unserem Gedächtnis einprägen, die vom Individuum als subjektiv wichtig empfunden werden und mit den persönlichen Zielen übereinstimmen. Auch die Lernmotivation hänge von der Freisetzung entsprechender Botenstoffe ab, die eng mit einer positiven Lernatmosphäre verbunden sind. Weiters sei die Beziehungsebene zwischen Lernender/m und Lehrender/m ausschlaggebend. In diese Kerbe schlägt auch der Konstruktivismus, der die Lernenden zum Lernen „einladen“ möchte, da die Belehrung nur mit persönlicher Beteiligung und dem Aufnahmewillen der Lernenden funktioniere. Die Lehrenden werden daher zu Prozessbegleitenden.

So verstehen sich auch die modernen Erlebnispädagoginnen und Erlebnispädagogen als Prozessbegleiter/innen, die Ressourcenorientiert agieren, eine positive (Lern-) Atmosphäre schaffen, konstruktives, lösungsorientiertes Lernen in sozialer Interaktion ermöglichen, sowie Raum für eigenes Erfahrungslernen bieten, das sowohl handlungsorientiert als auch mit Kopf und Herz passieren darf. Die Teilnehmenden erfahren dabei ein hohes Maß an Selbststeuerung, eigener Erfolgskontrolle und Freiwilligkeit.

Hintergrund & Quellen:

  • Einführung in die Erlebnispädagogik; Paffrath; 2013
  • Die moderne Erlebnispädagogik; Geschichte, Merkmale und Methodik eines pädagogischen Gegenkonzepts; Baig-Schneider; 2012
  • Praktische Erlebnispädagogik 1; Reiners; 2013
  • Erleben und Lernen; Einführung in die Erlebnispädagogik; Heckmair, Michl; 2012

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