Heldenreise - Storytelling im Seminar und Coaching
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Heldenreise – Storytelling im Seminar und Coaching

Die Heldenreise nach Joseph Campbell

Du hast bestimmt schon einmal von der berühmt-berüchtigten „Heldenreise“ gehört, oder? Es mag schon sein, dass es bei dem Begriff allein nicht sofort bei dir klingelt. Interessierst du dich aber auch nur in klitzekleinem Ausmaß für Literatur, Filme oder auch Videospiele? Dann stehen die Chancen gut, dass du sogleich eine sehr gute Vorstellung davon hast, worum es in diesem Artikel geht.

Bei der Heldenreise (oder auch Heldenfahrt) handelt es sich nämlich um ein Grundkonstrukt typischer Figuren und Situationsabfolgen. Dieses ist in unzähligen Erzählungen, Mythen, Romanen, Filmen, im Theater oder auch in Videospielen erkennbar. Überleg doch mal kurz: Was haben Harry Potter, Luke Skywalker, Neo (Matrix), diverse Bibelfiguren wie beispielsweise Moses oder Noah und einige Legenden der Mythologie (Herakles, Odysseus, etc.) allesamt gemein?

What heroes are made of:

Egal wie unterschiedlich die Charaktere, die Kultur oder die Umgebung in der sie leben auch sein mögen: Sie alle sind Protagonisten legendärer Erzählungen, die sich im Laufe ihrer Abenteuer von „normalen Bürgern“ zu „berühmten Helden“ entwickeln. Im Grunde genommen verfolgen sie verschiedenste Aufträge und Ziele. Dennoch sind die einzelnen Entwicklungsstufen, welche sie dabei durchschreiten aber auffällig ähnlich. Und das ist mit Sicherheit kein Zufall!

Im Gegenteil. All diese Erzählungen weisen eine archetypische Grundstruktur auf, welche der irische Schriftsteller James Joyce auch als „Monomythos“ bezeichnet. Auch der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell hat dieses gemeinsame Muster innerhalb diverser Mythologien aus aller Welt erkannt und sich folglich tiefgehend damit beschäftigt. So entstand das Konzept der Heldenfahrt (engl. Hero’s Journey). Dieses schildert Campbell durch zahlreiche Vergleiche sowie Deutungen verschiedener Mythen in seinem Werk Der Heros in tausend Gestalten.

Konzept der Heldenreise

Diese monomythische Struktur des Erzählens zieht sich durch sämtliche Epochen, Kulturen sowie Religionen. So beliebt und erfolgreich ist speziell die Heldenreise vor allem deswegen, weil sie – wenn auch meist in übertriebener Form – von einer Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten bzw. der Protagonistin erzählt, welche wir Menschen sehr gut nachempfinden können. In irgendeiner Art und Weise, kommt jede*r von uns Normalsterblichen an einen Punkt innerhalb des eigenen Lebens, wo neue Möglichkeiten und Herausfoderungen die Aufgabe von Gewohnheit und Sicherheit erfordern.

Vom Loslösen und Verlieren von vertrauten Bindungen, über die Suche nach dem Selbst und dem angemessenen Platz in der Welt, bis hin zu dem Überwinden von Angst und Selbstzweifeln: Auf der Heldenfahrt müssen sich die Hauptcharaktere – oftmals eher unfreiwillig – verschiedenen Herausforderungen, dem inneren Kritiker sowie externen Feinden stellen. Sie ertragen dabei emotionale Extremzustände, physische Schmerzen und starken Gegenwind. Sie machen neue Bekanntschaften, finden Unterstützung, sammeln neue Erfahrungen sowie Erkenntnisse und wachsen über sich selbst hinaus.

Not all heroes wear capes!

Subtrahieren wir also die übernatürlichen Fähigkeiten, die Magie, all die Lichtschwerter und die sprechenden Fabelwesen, die auf einer klassischen Heldenreise, wie sie im Buche steht, für gewöhnlich nicht fehlen dürfen, so stellen wir fest: Auf gewisse Art und Weise, begeben wir Menschen uns alle früher oder später, auf die eine oder andere Heldenfahrt. Wir stellen uns neuen Herausforderungen, an denen wir wachsen und reifen. Wir wachsen über uns selbst hinaus, lernen stets dazu und überwinden Tiefpunkte, um im Anschluss gewissenhafter mit unserem Erfolg und unseren neu errungenen Erkenntnissen umzugehen.

Warum haben wir unsere berühmten Heldinnen und Helden also so gerne und wählen sie uns oftmals als Mentor*innen und Vorbilder aus? Na klar doch: weil wir selbst viel mit ihnen gemeinsam haben!

Stationen der Heldenreise

Eine klassische Heldenreise ist durch typische Etappen gekennzeichnet, welche unsere Held*innen allesamt durchlaufen müssen. Campbell listet diese Stationen in seinem Buch wie folgt:

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  1. Der Ruf des Abenteuers: Der graue Alltag des Protagonisten bzw. der Protagonistin wird durch einen ungewöhnlichen Auftrag (den natürlich niemand anderes ausführen könnte), durchbrochen und ganz schön aufgewirbelt.
  2. Die Verweigerung: Wie jetzt? Unser*e Held*in soll alles stehen und liegen lassen, alle Sicherheiten und Gewohnheiten aufgeben, um eine wahnsinnig verrückte Aufgabe zu erfüllen? Aber was wenn er*sie scheitert? Was, wenn er*sie dadurch alles (und vielleicht sogar das eigene Leben) verliert? Sicher nicht!!!
  3. Übernatürliche Unterstützung: Ein klassischer Beweis dafür, dass unsere Held*innen ebenso auf externe Hilfe angewiesen sind, wie wir Normalsterblichen: Hier trifft unser*e Protagonist*in nämlich (meist unerwartet) auf eine*n (oder auch mehrere) Mentor*in(nen).
  4. Der erste Schritt: Mit gutem Zuspruch und der Überzeugungskraft der Mentor*in(nen), begräbt unser*e Held*in die Zweifel und macht sich schließlich auf den Weg.
  5. Die ersten Schwierigkeiten: Ist der erste Schritt erstmal getan, so gibt es keinen Weg zurück und die ersten Schwierigkeiten des Abenteuers treten auf. (Meist) Durch den*die Mentor*in lernt unser*e Held*in mehr über den Auftrag und seine Widersacher und wird sich zum ersten Mal bewusst, worauf er*sie sich eingelassen hat.
  6. Der Pfad an Prüfungen: Die anfänglichen Schwierigkeiten fangen an sich zu häufen und von nun an jagt eine Herausforderung die Nächste. Der*die Protagonist*in muss sich nun einer Prüfung nach der anderen stellen. Oftmals muss er*sie dabei gegen den*die eigene*n innere*n Kritiker*in ankämpfen.
  7. Die Begegnung mit der gegengeschlechtlichen Macht: Was wäre schon eine richtige Heldenreise ohne die Liebe? In manchen Erzählungen spielt sie nur eine kleinere Rolle, in anderen wiederum ist sie beinahe der Hauptbestandteil der Geschichte.
  8. Die süße Versuchung: Manchmal verleiht die Liebe unserem*r Helden*in zusätzlichen Antrieb. Manchmal entpuppt sie sich eher als Verwirrung der Sinne, welche dafür sorgt, dass der*die Protagonist*in das Ziel aus den Augen verliert.
  9. Der Apfel und der Stamm: „Luke, ich bin dein Vater.“ Na kennst du diesen bekannten Satz aus Star Wars? Unsere Familie können wir uns nun mal nicht aussuchen. Und unsere Held*innen lernen auf der Heldenfahrt nicht nur sich selbst besser kennen, sondern erfahren auch oft mehr über ihre biologische Abstammung als ihnen lieb ist. Der Hauptcharakter trägt das Erbe seiner Ahnen in sich. Soll er nun in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten? Oder muss er im Endeffekt gar gegen sich selbst ankämpfen?
  10. Apotheose: Von königlichem Blut, über Zauberkraft, bis hin zu körperlicher Unverwundbarkeit: nun wird es magisch. Der*Die Held*in wird sich nämlich seiner*ihrer besonderen Begabung bewusst. Meist erfordert es aber noch intensive Übung, mit dieser neuen Kraft/Erkenntnis umzugehen.
  11. Der Schatz: Der „Stein der Weisen“, der „heilige Gral“ oder der Ring, den Gollum liebevoll „mein Schatz“ nennt: sie alle sind Beispiele für die (meist) materiellen Gegenstände, die eine beachtliche Rolle in den meisten Heldenabenteuern spielen. Denn nur mithilfe dieses einen besonderen Schatzes, kann die Welt unserer*s Helden*in gerettet werden.
  12. Gekommen um zu bleiben: Nach all dem, was der*die Held*in auf der Reise erlebt und sich neu aufgebaut hat, fällt es ihm*ihr nun schwer, den Rückweg zum vorherigen Alltag anzutreten.
  13. Fight or Flight: Das Abenteuer ist noch nicht vorbei. Durch internen oder externen Antrieb wird der*die Protagonist*in dazu gezwungen, in Eile den Heimweg doch zu beschreiten.
  14. Nennen wir es Karma: In der Not, kommt dem*der Held*in plötzlich unerwartet ein*e Gefährte*in zur Hilfe. Meist handelt es sich dabei um eine Person bzw. ein Wesen, welches aus Dankbarkeit und Loyalität handelt. Eine emphatische Tat zu Beginn der Heldenfahrt wird nun zur Rettung auf dem Rückweg.
  15. Die Konfrontation mit der Heimat: Nachdem die Schwelle zum vorherigen Alltagsleben überschritten wurde, muss unser*e Heldin sich gegenüber seiner*ihrer Familie und den anderen Mitmenschen rechtfertigen.
  16. Die Verschmelzung zweier Welten: Während der*die Held*in verändert und weiser zurückkehrt, hat sich in der Alltagswelt nichts geändert. Nun liegt es also an ihm*ihr, die neuen Erfahrungen und Erkenntnisse in die „alte Welt“ zu integrieren.
  17. Der Kreis schließt sich: Durch das Teilen seines*ihres Wissens mit der „alten Welt“, verändert der*die Held*in diese nachhaltig. Die Gemeinschaft profitiert also von der Heldenreise unseres*r Protagonisten*in und genau das, macht ihn*sie erst zu einem*r waschechten Helden*in.

Bestimmt ist beim Lesen dieser Stationen bereits die eine oder andere Buch- oder Filmszene vor deinem inneren Auge aufgepoppt, oder? 😉

Wichtig: Es handelt sich bei dieser Auflistung um ein Grundgerüst einer Heldenreise. Nicht in jeder Erzählung kommen wirklich alle diese Stationen genau in dieser Reihenfolge vor. Manchmal gibt es leichte Abweichungen. Aber achte doch ab jetzt beim Lesen, Filmschauen und Co darauf. Du wirst mit Sicherheit sehr viele dieser Stationen in diverser Literatur wiedererkennen.

Die Heldenreise im Seminar

Abgesehen davon, dass die Heldenreise natürlich an sich bereits ein äußerst spannendes Thema ist, hab ich euch eines bisher noch verschwiegen. Warum dieses Thema auch für uns von NEVEREST so interessant ist liegt nämlich daran, dass die Heldenreise sich auch wahnsinnig gut als Storytelling-Methode einsetzen lässt. Wir Menschen lernen bewiesenermaßen hervorragend aus Geschichten. Schon von klein auf, haben wir Kinderbücher vorgelesen bekommen und Gute-Nacht-Geschichten erzählt bekommen. Ich lehne mich jetzt etwas aus dem Fenster und behaupte: Wir alle hatte ihn*sie: Diese*n eine*n Lehrer*in/Professor*in der*die regelmäßig Geschichten in den Unterricht eingebaut hat. Ich für meinen Teil kann mich mit Sicherheit nicht mehr an alles erinnern, was mir in der Schule eingetrichtert werden sollte. Hingegen die Geschichten, die diverse Professor*innen in der Schule oder an der Uni nebenbei erzählt haben: die könnte ich auf Knopfdruck immer noch nacherzählen, als hätte ich sie erst gestern zuletzt gehört.

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Diese Erkenntnis habe nicht nur ich gemacht. Heutzutage ist Storytelling eine großartige Methode um Wissen nachhaltig zu vermitteln. In unserer NEVEREST Trainerausbildung erfährst du, wie du genau das zu deinem Vorteil nutzen kannst, wenn du vor der Gruppe stehst und deine Inhalte effektiv in den Köpfen deiner Teilnehmenden verankern möchtest.

Die Heldenreise für Kinder

Ganz besonders gut kommt die Heldenreise natürlich bei unseren Jüngsten an! In den meisten pädagogischen Kontexten ist das Erzählen von Geschichten und das Verpacken von Wissen in kreatives Storytelling das Um und Auf.

Um Kindern Moral in Beispielen zu lehren, dazu braucht man die Geschichte. Das heißt, ihnen Schwert und Lanze als Messer und Gabel in die Hände geben.

Ludwig Börne
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In unserer NEVEREST Erlebnispädagogikausbildung lernst du, das Erzählen und Erziehen mittels Geschichten zu verinnerlichen. Ein Praxisbeispiel wie so eine Heldenreise (auch für Erwachsene) aussehen kann, erlebst du speziell bei unserem Active Retreat Modul. Diese 3-tägige Wanderung steht ganz im Zeichen deiner persönlichen Heldenreise. Begib dich aufs Abenteuer, feile an deinen Fähigkeiten, lerne deine inneren Widerstände kennen und kämpfe gegen sie an! 😉

Die Heldenreise im Coaching: eine Reise zu dir selbst

Der Kampf mit inneren Widerständen. Persönlichkeitsbildung und persönliche Weiterentwicklung. Das Erreichen von Zielen durch die Akzeptanz individueller Schwächen und das Erlernen des Umgangs mit eigenen Stärken. Na? Wonach klingt das für dich? Nach einer Heldenfahrt? Oder vielleicht doch eher nach einem Coaching im Bereich der Lebens- und Sozialberatung? Sowohl als auch?

Du siehst schon: Es gibt viele Parallelen zwischen einer klassischen Heldenreise und dem Prozess, den Klienten und Klientinnen im Rahmen eines Coachings durchlaufen. Auch im Coaching sowie in diversen Therapiesettings, wird unter anderem mit Storytelling und allgemein viel mit Metaphern und Visualisierung gearbeitet.

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Die Heldenreise als Coachingtool

Joseph Campbells Grundgerüst der Heldenfahrt wurde nämlich von zahlreichen bekannten Therapeut*innen und Coaches aufgegriffen. Teils wurde sie so angepasst und weiterentwickelt, dass sie zu einem wichtigen und wirkungsvollen Tool in Therapie und Coachings herangezogen werden kann.

The death of a dragon is not required for an act of bravery. There is courage in the everyday battle.

Alannah Radburn

Hier ist vor allem der US-amerikanische Autor und Psychotherapeut Paul Rebillot zu nennen. Dieser kombinierte Campbells Heldenreise mit der Gestalttherapie und dem Psychodrama. Dadurch sollten Klient*innen anhand verschiedener Methoden und Kreativtechniken (Ausdruckstanz, Fantasiereisen, Malerie, uvm.) ihren individuellen und persönlichen Zielen nähergebracht werden. Weiters arbeiteten u.a. auch der amerikanische Hypnotherapeut Stephen Gilligan, der Mitbegründer des NLP Robert Dilts und der deutsche Coach und Autor Martin Weiss mit dem Konzept der Heldenreise.

Während in Literatur und diversen Hollywood-Filmen allerdings besonders der Pfad der Prüfungen langgezogen und ausgeschmückt wird, liegt im Coaching (speziell bei Rebillot) der Fokus meist eher auf dem Beginn der Heldenreise und dem ersten Schritt ins Abenteuer. Der persönliche Wandel nach dem Erkennen und Auflösen der inneren Blockaden und Widerstände steht hier häufig im Vordergrund.

Jede gute Geschichte braucht Helden. Keine perfekten Helden nein, sie dürfen Fehler machen, sie dürfen von ihrem Weg abkommen. Aber am Ende treffen sie die richtigen Entscheidungen.

Julia Adrian (in: „Die Dreizehnte Fee“)

Werde auch du zum*zur Mentor*in!

Wie genau auch du die Heldenreise, aber auch unzählige andere Techniken als Methoden im Coaching anwenden kannst, um deine Klient*innen auf dem persönlichen Weg zum Erreichen ihrer Ziele zu begleiten und zu unterstützen, erlernst du in unserer NEVEREST Lebens- und Sozialberater Ausbildung. Denn wenn wir aus Joseph Campbells Heldenreise eines gelernt haben, dann ist das ja wohl: Ohne Mentor*innen kommt es gar nicht erst zur Heldenfahrt und ohne Heldenfahrt, bleiben unsere Protagonist*innen wohl ewig in ihrem Alltagstrott gefangen und werden so schnell nicht zum*zur Held*in. 😉

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